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Vom Öko-Projekt zum
sozialen Konzern

Wie sieht das Unternehmen der Zukunft aus? Wird es sich um mehr kümmern, als um eindrucksvolle Bilanzen? Die Jury des Alternativen Nobelpreises zeichnete den Ägypter Dr. Ibrahim Abouleish aus, der am Rande der ägyptischen Wüste das Unternehmen Sekem gegründet hat, das Arbeit, Schule, Studium, Forschung und Lebenshilfe auf ungewöhnliche Weise verbindet und nachhaltig die Entwicklung in Ägypten fördert.

Im Alter von 18 Jahren ging der aus Kairo stammende Ibrahim Abouleish nach Graz um Pharmazie zu studieren. Mitte der siebziger Jahre besuchte er seine ägyptische Heimat und war geschockt von der ökologischen Fehlentwicklung in seinem Heimatland. Das bereits im Alten Testament beschriebene üppige Kulturland im Nildelta war durch die Wasserstandsregulierung des Assuan-Staudamms einer Salzwüste gewichen. Er gründete Sekem, was „Lebenskraft der Sonne“ bedeutet. Sekem entwickelte unterirdische Bewässerungssysteme, die gegen Verdunstung geschützt sind, und züchtete eine Baumwollsorte, die ihren Wasserbedarf aus der nächtlichen Feuchtigkeit decken konnte. Auf den Äckern gedeihen nun Gemüse, Sonnenblumen, Tee und Heilpflanzen. Sogar Viehzucht wird mit 100 ursprünglich aus dem Allgäu importierten Rindern betrieben.

Den Menschen aus den umliegenden Dörfern bietet Sekem völlig neue Perspektiven. Auf der Farm sind je nach Saison 600 bis 2000 Arbeiter beschäftigt. Es geht dabei aber nicht nur um Jobs: Lernen und Arbeiten, Ausprobieren und Lehren sind das Fundament von Sekem. Während der Arbeitszeit finden täglich einstündige Fortbildungen in Landeskunde, Geschichte oder Sprache statt. Die Gemeinschaftsbildung steigert die Selbstmotivation der Mitarbeiter, ebenso den Bildungsstand und letztlich den Spaß an der Arbeit.

Die Gewinne aus der Exportgeschäft der landwirtschaftlichen Produkte und Textilien investierte Sekem in die Einrichtung von Kindergärten, Schulen und einer Polyklinik. Wer einen Lehrberuf erlernen will, kann sich entsprechend ausbilden lassen. Wer ein Studium anstrebt, kann nach dem Abitur in der jüngst errichteten Akademie für Wissenschaft und angewandte Künste in Kairo Architektur, biologisch-dynamische Landwirtschaft, Betriebswirtschaft, Design, Medizin oder Pharmazie studieren.
Nach mehr als 25 Jahren kann Sekem auf eine eindrucksvolle Bilanz zurückblicken. Eine Wüstenlandschaft, die nun Spitzenprodukte der ökologischen Landwirtschaft hervorbringt, war kultiviert worden. Insgesamt 30 000 Menschen in der Region wurde damit eine neue Arbeits- und Lebensperspektive gegeben.

Ein neues soziales Hauptgesetz entsteht

Die Entwicklung blieb nicht ohne Folgen. Zahlreiche internationale Organisationen wie die Weltbank oder der Internationale Währungsfond IWF wollen wissen, wie es sich auswirkt, wenn ein Unternehmen sich als lernende, soziale und kulturelle Gemeinschaft versteht.

Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos, das ursprünglich von der Wirtschaft als Gegengewicht der Unternehmen zur Welthandelsorganisation WTO gedacht war, wurde im letzten Jahr die Frage erörtert, wie es zu einer nachhaltigen sozialen Entwicklung kommen kann. Das Weltwirtschaftsforum gibt jährlich den World Competetive Report heraus, in dem 105 Staaten auf ihre Wettbewerbsfähigkeit verglichen werden. Dieser Report ist für große Investoren die Grundlage für ihre Investitionen. Ist in einem Land die erforderliche Infrastruktur vorhanden? Wie sind die Bedingungen? So fällt eine Entscheidung, ob ein Unternehmen zum Beispiel nach Ägypten oder doch lieber nach China geht. Lange Zeit waren niedrige Standards bei der sozialen Verantwortung der Wirtschaft oder geringe Umweltauflagen die entscheidenden Kriterien.

Seit einigen Jahren scheint jedoch ein Umdenken einzusetzen. Untrügliches Zeichen hierfür sind benutze Begriffe wie Social Entrepreneur. Damit ist ein Unternehmertyp gemeint, der nicht allein aus dem Prinzip der Gewinnmaximierung heraus handelt, sondern der versteht, dass auch soziale Prozesse und soziale Gerechtigkeit etwas mit Wirtschaft zu tun haben. Nur wenn man die Umwelt und das Soziale mit einbezieht, ist man langfristig überlebensfähig. In der Wirtschaft wird heute etwas in Frage gestellt, was seit Adam Smith als das soziale Hauptgesetz der Ökonomie gilt: Durch den Überlebenskampf wird es für alle besser. Und langsam dämmert uns, dass es überhaupt nicht besser wird. In den Führungskreisen der globalen Konzerne spüren alle, dass der Liberalismus, auch wenn ihm freie Hand gelassen wird, nicht alles von selbst regelt. Nur etwas mehr von dem, was man seit 200 Jahren praktiziert hat – das wird nicht funktionieren. Es muss etwas grundsätzlich Neues kommen. Ein neues soziales Hauptgesetz wird formuliert werden müssen, in dem Soziales, Umwelt und Kultur mit einfließen.

Winds of change

Dass man tatsächlich konkurrenzfähig sein kann, wenn man nach diesem neuen sozialen Hauptgesetz wirtschaftet, beweißt Sekem. Das Ganze beginnt schon Teil des Systems zu werden. An der Harvard Universität gibt es eine Kapazität für Wirtschaftstheorie, Professor Porter, der Vater aller strategischen Industrieanalysen. Er hat über viele Jahre hinweg ein Modell entwickelt, mit dem man den Entwicklungsstand der Organisationsentwicklung ganzer Staaten einfangen kann. Dabei hat er eine Momentaufnahme von Ländern eingefangen. Dabei sieht man, dass Faktoren wie Umwelt, Erziehung, Ausbildung und Kreativität viel stärker als bisher angenommen im Zusammenhang mit dem Thema Konkurrenzfähigkeit eine wichtige Rolle spielen. Porter stützt sich bei seinen Aussagen nicht auf idealistische Visionen, sondern auf empirische Erhebungen, die er in den wichtigsten Unternehmen auf der ganzen Welt durchgeführt hat.

Das bedeutet, dass die wirtschaftliche Entwicklung und die Bildung Hand in Hand gehen müssen. Bildung und Ausbildung sorgen für Konkurrenzfähigkeit. Deutlich wird das in der neusten Pisa-Studie. Bei den europäischen Staaten steht Deutschland im aktuellen Konkurrenzfähigkeits-Ranking auf Platz sieben, auf die Zukunft gesehen nur auf Platz 17. Bei den skandinavischen Ländern ist es genau umgekehrt: Diese werden heute noch nicht so hoch bewertet, man rechnet jedoch bei ihnen in Zukunft mit einem wesentlich höheren Potential als in Deutschland. Dies ist nachweislich ein Folge höherer Investition in das Bildungssystem.

 

 

Beitrag von Roger Kautz und Tarak Mtibaa im Jahresmagazin "einblick" der Wirtschaftsjunioren Stuttgart

 

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