Innenpolitik
Staatsaufbau
Tunesien ist eine Präsidialrepublik. Art. 1 der Verfassung beschreibt es als
freien, unabhängigen und souveränen Staat, dessen Religion der Islam, dessen
Sprache das Arabische und dessen Regierungsform die Republik ist. Tunesien ist
ein zentralistischer Staat mit 23 Gouvernoraten. Präsident ist seit 7. November
1987 Zine el Abidine Ben Ali.
Verfassungsorgane
Der Staatspräsident ist Staatschef, Regierungschef und Oberster Befehlshaber
der Streitkräfte. Er ernennt und entlässt den Premierminister und auf dessen
Vorschlag die übrigen Regierungsmitglieder. Ihm obliegt die "Allgemeine
Reglementierungsgewalt". Staatspräsident Ben Ali ist außerdem
Vorsitzender der Regierungspartei Rassemblement Constitutionnel Démocratique
(RCD). Er gewann im Oktober 1999 bei seiner zweiten Wiederwahl 99,4 % aller
Stimmen. Im Zuge einer durch Referendum vom 26. 05.2002 gebilligten
Verfassungsreform ist u.a. die Beschränkung auf eine zweimalige Wiederwahl
gestrichen worden. Präsident Ben Ali wird sich im Herbst 2004 zur Wiederwahl
stellen.
Die Legislative bildet ein 182 Sitze starkes, seit 1994 pluralistisches
Einkammerparlament ("Chambre des Députés"). Es tagt wöchentlich im
Plenum. Die Gesetzesinitiative obliegt Parlament und Präsident, wird aber in
der Regel hauptsächlich von letzterem wahrgenommen. In der Abgeordnetenkammer
haben die Oppositionsparteien 33 Sitze. Im Zuge der Verfassungsreform ist auch
die Bildung einer zweiten Kammer (Chambre des Conseillers) beschlossen worden.
Ihre Konstituierung steht bevor.
Die Institution der Staatspartei aus der Ära seines Vorgängers Bourguiba
wurde mit dem Amtsantritt Ben Alis 1987 abgeschafft. Die Regierungspartei RCD
bleibt aber Hauptträger des politischen Lebens. Ihre Strukturen reichen bis in
kleine Gemeinden, Betriebe und Universitäten. Sie hat knapp zwei Millionen
Mitglieder. Die eigentlichen Parteistrukturen werden durch parteinahe
Nichtregierungsorganisationen ergänzt. Zur Seite steht dem RCD eine
Parallelstruktur aus fast sechstausend "Comités de quartiers"
(Stadtteil-Komitees), die vom Innenministerium koordiniert wird.
Aktuelle innenpolitische Lage
Die innenpolitische Lage ist stabil. Die tunesische Gesellschaft ist geprägt
von einer breiten Mittelschicht. Das Bevölkerungswachstum betrug 2002 1,01%.
Die Schulausbildung ist gut, der Alphabetisierungsgrad hoch. Die Senkung der
wachsenden Jugend- und Jungakademikerarbeitslosigkeit ist eine Priorität der im
August 2003 zuletzt umgebildeten Regierung unter Premierminister Ghannouchi. Im
Rahmen dieser Regierungsumbildung hat Präsident Ben Ali die Zahl der Minister
von 25 auf 23 reduziert, die der Staatssekretäre von 19 auf 20 erhöht und
einige Umstrukturierungen vorgenommen.
Staat und Religion
Die Moscheen sind nur zu den Gebetszeiten geöffnet. Die Predigten werden
überwacht. Parteien auf religiöser Grundlage sind nicht erlaubt.
Fundamentalismus und Extremismus werden bekämpft.
Rolle der Frau
Art. 6 der Verfassung garantiert die Gleichheit aller Bürger. Monogamie und
Ehescheidung sind gesetzlich garantiert. Die weitgehende Emanzipation der Frauen
wurde bereits in der 1. Verfassung des Landes festgelegt, Tunesien spielt hier
eine Vorreiterrolle in der arabischen Welt. Im islamisch geprägten
Familienrecht derzeit noch existierende Benachteiligungen bei Scheidung und
Erbfall sollen durch Novellierung bestehender Gesetze beseitigt werden. Frauen
sind im Arbeitsalltag fest integriert. 24% der Frauen waren 2002 außerhalb der
Familie berufstätig. Sie stellen 50% der Lehrkräfte und 40% der
Staatsbediensteten. Im Jahr 2002 sind 54% der Studierenden Frauen. Die Zahl der
Unternehmerinnen in Tunesien wird für das Jahr 2002 mit 5000 angegeben.
Menschenrechtspolitik
Die Verfassung garantiert die Menschenrechte und eine unabhängige Justiz.
Ein umfangreicher Gesetzesrahmen zur Wahrung der Menschenrechte und der
bürgerlichen Freiheiten wurde geschaffen. Tunesien ist Mitglied in den meisten
internationalen Menschenrechtskonventionen. In der Praxis gibt es Defizite, auf
die auch der Menschenrechtsbericht der Bundesregierung Bezug nimmt. Diverse
Nichtregierungsorganisationen befassen sich mit der Menschenrechtslage in
Tunesien, so zum Beispiel amnesty international.
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