Innenpolitik
Politische Willensbildung in "Basisvolkskongressen"
Nach Gaddafis Doktrin der direkten Demokratie ist das Volk der Souverän,
"Dschamahirija" bedeutet "Herrschaft der Massen". Jede
Vertretung des Volkes durch Abgeordnete, etwa im Sinne einer parlamentarischen
Demokratie, gilt als Verfälschung des Volkswillens.
Ein Parlament, Parteien oder eine Regierung im klassischen Sinne gibt es
daher nicht. Die politische Willensbildung vollzieht sich in 350
"Basisvolkskongressen", die ihre Entscheidungen durch Beauftragte
(imperatives Mandat) dem mehrmals jährlich tagenden "Allgemeinen
Volkskongress" zur Koordinierung und Formulierung vortragen.
"Allgemeines Volkskomitee" als Exekutive
Der "Allgemeine Volkskongress" bestätigt das "Allgemeine
Volkskomitee", das einem Kabinett vergleichbar und weisungsgebunden ist.
Dieses Komitee verkörpert das höchste exekutive Organ und leitet die laufende
Regierungsarbeit. Das Komitee wurde im März 2004 durch Beschluss des
Volkskongresses von bisher neun auf heute zwölf Sekretäre
("Minister"; einschließlich einem stellvertretendem Premierminister)
vergrößert. Insbesondere wirtschaftliche Kompetenzen werden zunehmend auf die
32 Provinzen (Shabiate) verlagert, die eigene Budgets erhalten und diese in
eigener Verantwortung verwalten.
Obgleich Volkskongress und Provinzen an Bedeutung gewinnen, liegt die
eigentliche Macht bei Gaddafi, seinem engeren Umfeld und bei sogenannten
Revolutionskomitees, die beonsders die Arbeit der Volkskongresse kontrollieren.
Als Vordenker und Interpret der von ihm verfassten Dritten Universaltheorie
("Grünes Buch") trifft Gaddafi in der Praxis fast alle wichtigen
wirtschaftlichen und politischen Entscheidungen selbst. Die Rolle des
Staatsoberhauptes kommt formal dem Allgemeinen Volkskongress zu, an dessen
Sekretär ausländische Botschafter ihr Beglaubigungsschreiben überreichen.
Pressefreiheit, Gleichberechtigung, Menschenrechte
Die Medien unterliegen strikter staatlicher Kontrolle. Jedoch sind
Satellitenfernsehen und Internet verfügbar und außerordentlich populär. Die
relativ weitgehenden Rechte der Frau finden in Gaddafi einen nachdrücklichen
Befürworter, in der Praxis dominieren jedoch zumeist konservative islamische
Familientraditionen. Menschenrechtsverstöße sind wegen der Zensur schwer
nachzuweisen, müssen aber aufgrund der Untersuchungen von Amnesty International
und auch der Gaddafi-Stiftung als gegeben angesehen werden.
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