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Wirtschaft
Grundlagen
Der Jemen gehört mit einem Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner von ca. 473
USD zu den am wenigsten entwickelten Ländern (LDC – least developed countries).
Das Bevölkerungswachstum beträgt ca. 3,6 % bei sehr hoher Kindersterblichkeit
und geringer Lebenserwartung.
Die vergangenen Jahre waren politisch und wirtschaftlich für das Land
außerordentlich schwierig. Die staatliche Vereinigung und die daraus
resultierenden politischen Probleme, die Konsequenzen der jemenitischen Haltung
im 2. Golfkrieg, der teure Sezessionskrieg 1994 und das gespannte Verhältnis
mit Saudi-Arabien hatten die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und
Entwicklungsaussichten des Jemen deutlich verschlechtert. Bereits vor der
Wiedervereinigung 1990 hatten beide jemenitische Staaten erhebliche
Strukturprobleme.
Der Nordjemen galt lange Zeit als Land ohne natürliche Ressourcen mit einer
in weiten Teilen des Landes durch Wassermangel und schwierige Klima- und
Bodenverhältnisse belasteten Landwirtschaft sowie einem sehr geringen
Ausbildungsstand. Nur die hohen Gastarbeiterüberweisungen und die erheblichen
direkten Budgethilfen aus Saudi-Arabien und den Golfstaaten verhalfen dem Norden
bis 1990 zu einem beträchtlichen Wirtschaftswachstum. Einer konzeptionell
schwachen und bürokratischen Administration stand ein dynamischer privater
Sektor mit den Schwerpunkten Handel und verarbeitendes Gewerbe gegenüber. Die
Infrastruktur des Landes wurde nach Revolution und Bürgerkrieg rasch ausgebaut.
Sie hat jedoch bis heute im Verhältnis zu allen anderen Staaten der Arabischen
Halbinsel erst einen geringen Stand erreicht. Zu groß war der Rückstand und zu
bescheiden waren die Mittel. Zusätzlich gehemmt wurde die Entwicklung im Norden
durch den fortdauernden Dualismus zwischen modernem Staat und
Stammesgesellschaft, der die Durchsetzungskraft der Zentralregierung behindert.
Die 1987 aufgenommene Ölförderung hat dem Norden zunächst beträchtliche
Einnahmen beschert. Sie wurden jedoch mehr als aufgewogen durch die aufgrund
sinkender Ölpreise und Rückwanderung in den Jemen deutlich rückläufigen
Gastarbeiterüberweisungen aus den arabischen Nachbarländern. Stagnation,
wachsende Auslandsverschuldung, hohe Zahlungsbilanz- und Haushaltsdefizite,
Inflation, Verfall des Außenwerts der Landeswährung Rial und eine sinkende
Investitionsquote waren die unmittelbaren Folgen.
Im Süden war es bis 1990 die sozialistische Führung, die die Wirtschaft mit
vier Bodenreformen, der Verstaatlichung von Industrie und Dienstleistungen, dem
erzwungenen Exodus vieler wohlhabender Familien und einer an der Spitze
funktionierenden, die Wirtschaft jedoch lähmenden Bürokratie ruinierte.
Wirtschaftsstruktur
Die Wirtschaftsstruktur des Landes wird durch den Öl- und Gassektor
dominiert, der ca. 70 % der staatlichen Einnahmen erwirtschaftet. Die im
Verhältnis zu den anderen Ländern der Arabischen Halbinsel bescheidene
Ölförderquote lag im Jahre 2002 bei etwa 450.000 Barrel/Tag. Durch vermehrte
Lizenzvergabe an ausländische Firmen unternimmt die Regierung große
Anstrengungen, die Ölförderkapazität weiter zu steigern. Der Abbau großer
Erdgasvorkommen mit Hilfe eines internationalen Konsortiums stößt weiterhin
auf Schwierigkeiten. Die Chancen auf eine baldige Realisierung dieses
Großprojekts haben sich verringert, weil die bereits weitgehend verhandelten
Lieferverträge mit der Türkei und Südkorea nicht zustande kamen und neue
Abnehmer nicht gefunden wurden. Der Tourismus bietet prinzipiell ein großes
Potential. Aufgrund der Sicherheitslage ist er derzeit fast völlig zum Erliegen
gekommen. Die Landwirtschaft beschäftigt mehr als 60% der erwerbstätigen
Bevölkerung, trägt jedoch lediglich mit ca. 6% zum Gesamtexport bei.
Wichtigste Einnahmequelle der Landwirtschaft ist der Qat-Anbau, der zur
zunehmenden Verdrängung des traditionellen Kaffee- und Weizenanbaus führt.
Jemen ist gezwungen, ca. 75% seiner Grundnahrungsmittel einzuführen. Die
verarbeitende Industrie spielt nur eine untergeordnete Rolle. Große Hoffnungen
setzt die jemenitische Regierung in den im März 1999 eröffneten
Containerumschlaghafen in Aden sowie in die angrenzende Freihandelszone.
Aktuelle Wirtschaftslage
Die binnenwirtschaftliche Entwicklung hat sich nach den schwierigen Jahren
der staatlichen Vereinigung, des zweiten Golfkrieges und des Sezessionskrieges
bis 1997 zunehmend stabilisiert, wurde aber durch den Ölpreisverfall seit Ende
1997 zwischenzeitlich geschwächt. Mit dem erneuten Ölpreisanstieg im Jahr 1999
wurde die wirtschaftspolitische Krise jedoch relativ gut gemeistert - um nach
dem 11. September 2001 erneut mit einem Ölpreisverfall konfrontiert zu werden,
der die überproportional vom Ölexport abhängige Wirtschaft empfindlich traf.
Derzeit bestimmt eine im Gefolge der Anschläge auf die US Fregatte Cole und den
französischen Öltanker Limbourg niedrige Auslastung des Hafens Aden und ein
völliger Einbruch des Tourismus die Wirtschaftslage. Die Inflationsrate
schwankt um 10 %. Das System der freien Wechselkurse funktioniert. Bei nur
geringen Interventionen durch die Zentralbank kann der Wechselkurs des Rial zum
US-Dollar einigermaßen stabil gehalten werden.
Ein wichtiger Schritt für die Konsolidierung der Wirtschaft war das Ende
1996 im Rahmen des Pariser Clubs zu "Neapel-Bedingungen" vereinbarte
Umschuldungsabkommen, das den Erlass von 67% der verbürgten jemenitischen
Handelsschulden vorsieht. Auf dieser Basis wurde 1997 eine Anzahl bilateraler
Umschuldungsabkommen, darunter auch mit Deutschland, unterzeichnet. Im Jahre
1997 konnte auch die Schuldenregelung mit der Russischen Föderation zu
besonders günstigen Bedingungen vereinbart werden. Die Auslandsverschuldung des
vereinigten Jemen lag 2002 schätzungsweise bei 5 Mrd. USD (2001: 4,8 Mrd. USD,
2000: 4,9 Mrd. USD).
Wirtschaftsreformen
Die Mitte 1995 in Angriff genommenen Reformmaßnahmen wurden von der
jemenitischen Regierung bislang zügig umgesetzt. Erste Ergebnisse sind in Form
einer Subventionsabsenkung, einer Stärkung des nationalen Finanz- und
Geldwesens, der Einführung eines einheitlichen Wechselkurses und der
Abschwächung der Inflation sichtbar. Der Internationale Währungsfonds (IWF),
Weltbank und andere internationale Geber haben dem Jemen in der Vergangenheit
beträchtliche Fortschritte bei der makroökonomischen Stabilisierung und der
Umsetzung der Strukturreformen bestätigt. Problematisch bleibt, dass sich die
positive makroökonomische Entwicklung nur sehr begrenzt auf die Verringerung
der Armut ausgewirkt hat. Defizite gibt es vor allem auch noch bei der Reform
des öffentlichen Dienstes, des Justizwesens und des Steuersystems.
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