Innenpolitik
Grundlagen
Die innere Situation des heutigen Jemen wird immer noch durch die geteilten
historischen Erfahrungen geprägt: britische Kolonialisierung und anschließende
sozialistische Einflüsse im Süden einerseits, muslimische Imamherrschaft und
Stammesgesellschaft im Norden andererseits. Der nördliche Landesteil hat den
Weg aus fast tausendjähriger Herrschaft der Imame in die Neuzeit erst zu Beginn
der 70er Jahre beschritten. Insbesondere seit dem Sezessionskrieg 1994 befindet
sich der Jemen - als einziger Staat der Region - auf dem Weg der
Demokratisierung und des Aufbaus einer pluralistischen Gesellschaft. Im Zuge
dieser Entwicklung beginnen die ehemals deutlichen Unterschiede zwischen dem
ehemaligen Nord- und Südjemen zu verwischen.
Staatsaufbau
Die Republik Jemen ist laut Verfassung von 1994 ein arabischer islamischer
Staat, an dessen Spitze der Staatspräsident steht. Er ist gleichzeitig
Oberkommandierender der Streitkräfte und auch Vorsitzender des Obersten
Justizrates. Die Verfassung gewährt maximal zwei siebenjährige Amtszeiten.
Zum ersten Mal in der Geschichte Jemens wurde am 23.09.1999 das
Staatsoberhaupt in direkten Wahlen bestimmt. Der Amtsinhaber (seit 1978), Ali
Abdallah Saleh, gemeinsamer Kandidat des Allgemeinen Volkskongresses und der
Islah-Partei, gewann mit einer überwältigenden Mehrheit von ca. 96 % gegen den
einzigen vom Parlament nominierten Gegenkandidaten Najeeb Qahtan Al-Shaabi,
Abgeordneter des Allgemeinen Volkskongresses und Sohn des ersten
südjemenitischen Präsidenten. Staatspräsident Saleh ist Parteivorsitzender
der Regierungspartei General People's Congress.
Regierung, Parlament und Parteien
Die derzeitige Regierung ist seit einer Kabinettsumbildung durch den
Staatspräsidenten im Mai 2003 im Amt. Kabinettschef ist Ministerpräsident
Abdulkader A. Ba-Jammal. Seine Stellvertreter sind Finanzminister Alawi Saleh
Al-Salami und Planungsminister Ahmed Mohammad Sofan. Außenminister ist Dr.
Abubakr Abdullah Al-Kirbi
Das Parlament mit 301 Sitzen wird nach Vorgabe der neuen Verfassung nach der
Änderung vom Februar 2001 alle sechs Jahre gewählt. Seit der Vereinigung des
Landes im Jahre 1990 haben im Jemen drei demokratische Parlamentswahlen (1993,
1997, 2003) stattgefunden. Die nächsten Wahlen für das Parlament werden 2009
stattfinden.
Es gibt 22 Parteien, von denen nur eine zur letzten Wahl keine Kandidaten
bzw. Kandidatinnen aufgestellt hat. Seit den Wahlen im April 2003 sind 6
Parteien im Parlament vertreten: General People's Congress (229 Sitze), die
religiös-konservativ geprägte Islah (45 Sitze), Sozialistische Partei Jemens
(7 Sitze), nasseristische Partei (3 Sitze), Baath-Partei (2 Sitze), Union der
Volkskräfte (1 Sitz), 14 unabhängige Kandidaten gewannen einen Parlamentssitz.
Lediglich eine Frau wurde in das Parlament gewählt.
Seit der durch Volksabstimmung im Februar 2001 gebilligten
Verfassungsänderung besteht neben dem Parlament mit dem
"Konsultativrat" ("Shoura Council") im Ansatz eine zweite
Kammer. Das vom Präsidenten ernannte und hochrangig besetzte
Konsultationsgremium der Shoura wurde bereits 1997 gegründet und in wichtigen
Fragen befasst. Die Gründung der Shoura trägt der Tatsache Rechnung, dass im
Jemen neben dem verfassungsgemäßen Machtgefüge ein weiteres sehr viel
komplexeres System von Einflussstrukturen besteht: Die Stammestradition im
Norden des Landes besteht ungebrochen fort, die Stammesführer erheben Anspruch
auf Teilhabe an der Macht. Gleiches wird von Vertretern des Südens verlangt,
die im zentralen Machtapparat angemessen vertreten sein wollen. Die Shoura
erweist sich vor diesem Hintergrund als besonders nützlich für den politischen
Entscheidungsprozess.
Aktuelle innenpolitische Lage
Mit der Wahl im April 2003 schreitet der Jemen weiter auf dem Weg der
Demokratisierung voran. Größte Herausforderung in diesem Zusammenhang ist die
Dezentralisierung des bislang zentralistisch regierten und verwalteten Staates.
Hier ist noch intensive Aufbauarbeit in den unteren Verwaltungsrängen und
-gliederungen zu leisten. Die ersten Wahlen zu den Lokalmagistraten (Local
Councils) haben bereits im Februar 2001 stattgefunden. Sie wurden von
internationalen Beobachtern als weitgehend fair bezeichnet.
Die Zentralregierung strebt eine stärkere Säkularisierung des Schulwesens
an und hat vor diesem Hintergrund im Juli 2001 die von der religiös geprägten
Oppositionspartei Islah geführten Religionsschulen in das staatliche
Schulsystem eingegliedert. Die Opposition protestierte heftig gegen diese
Maßnahme.
Die Regierung unterstützt den Kampf gegen den Terrorismus auch nach innen,
muss hierbei allerdings eine delikate Balance zwischen einer engen Kooperation
mit den USA und der Stimmungslage im Lande wahren, die eine größere
Unabhängigkeit von US-amerikanischen Politikzielen einfordert.
Menschenrechtspolitik
In einigen Bereichen ist die Menschenrechtslage aus europäischer Sicht immer
noch nicht zufriedenstellend. Weiterhin besteht im Jemen die Todesstrafe und
wird auch volldtreckt. Die Bedingungen in jemenitischen Gefängnissen sind sehr
schlecht, oft unzumutbar, insbesondere für inhaftierte Frauen mit kleinen
Kindern. Frauen sind deutlich benachteiligt. Bedenkt man jedoch, dass der Jemen
den Sprung in die Neuzeit nach tausendjährigem Imamat, welches das Land in
mittelalterlichen Gesellschaftsvorstellungen verharren ließ, erst ab 1970 getan
hat, ist in den letzten 30 Jahren hinsichtlich der Verwirklichung der
Menschenrechte viel erreicht worden, insbesondere seit dem Ende des
Sezessionskriegs (1994).
Die jemenitische Regierung ist sich der Menschenrechtsproblematik bewußt.
Seit Mai 2003 gehört dem Kabinett eine Ministerin für Menschenrechte an (die
einzige Frau im Kabinett). Darüber hinaus tragen seit 1997 eigene
Menschenrechtsausschüsse im Parlament und im "Konsultativrat" sowie
ein gesondertes "Supreme National Committee for Human Rights" zur
Aufklärung von Menschenrechtsverletzungen bei. Internationale Beobachter und
Menschenrechtsorganisationen würdigen die deutlichen Fortschritte Jemens im
Demokratisierungsprozess, trotz jüngster Kritik an repressiven Maßnahmen im
Zusammenhang mit der Bekämpfung des Terrorismus im eigenen Land. Jemen ist - im
Gegensatz zu den meisten anderen arabischen Ländern - fast allen
internationalen Menschenrechtsübereinkommen beigetreten.
|