Außenpolitik
Grundlinien der Außenpolitik
Die Vereinigung beider Jemen, das Ende des Ost-Westkonflikts und die als
pro-irakisch gewertete Haltung des Jemen im zweiten Golfkrieg haben die
außenpolitische Situation des Jemen tiefgreifend verändert. Die jemenitische
Position führte zu einer Zerrüttung der Beziehungen zu den Ländern der
Golfregion, zu den USA und zu Großbritannien. Mittlerweile ist es der
jemenitischen Regierung gelungen, ihr Verhältnis zu den arabischen
Bruderstaaten am Golf weitgehend zu reparieren. Auch zu den USA und
Großbritannien haben sich die Beziehungen seitdem trotz deren Rolle im
Irak-Krieg verbessert. Der Jemen hat sich deutlich zum Kampf gegen den
Terrorismus bekannt.
Beziehungen zu Saudi-Arabien
Für Saudi-Arabien bildete bis 1990 der Nordjemen ein willkommenes Glacis zum
marxistischen Südjemen. Die Existenz zweier jemenitischer Staaten war aus
saudischer Sicht ein Element der Stabilität an seiner Südgrenze. Über 1 Mio.
jemenitische Gastarbeiter in Saudi-Arabien und in den Golfstaaten trugen mit
ihren Geldüberweisungen wesentlich zum privaten Wohlstand im Jemen und zur
Entlastung der chronisch defizitären Zahlungsbilanz bei. Die Haltung des Jemen
im 2. Golfkrieg und die saudische Unterstützung der Südführung im
jemenitischen Sezessionskrieg zerrütteten die Beziehungen. Nachdem es um die
Jahreswende 1994/95 zu massiven Truppenaufmärschen auf beiden Seiten der Grenze
gekommen war, nahmen die Republik Jemen und das Königreich Saudi-Arabien
schwierig verlaufende Gespräche über Grenzfragen und über die Normalisierung
der bilateralen Beziehungen auf. Ende Februar 1995 wurde ein "Memorandum of
Understanding" unterzeichnet, in dem sich die jemenitische Regierung
verpflichtete, den westlichen Teil der Grenze zu Saudi-Arabien gemäß dem
Vertrag von Taif grundsätzlich anzuerkennen. Der Durchbruch der zeitweise sehr
zäh verlaufenden Grenzverhandlungen wurde am 12.06.2000 mit der Unterzeichnung
des Vertrags von Djidda erzielt. Seitdem befinden sich die bilateralen
Beziehungen im Aufwind. Das gemeinsame Interesse an einer Bekämpfung des
Terrorismus hat zu einer Intensivierung der Zusammenarbeit im Sicherheitsbereich
geführt.
Beziehungen zu Katar, Oman und den Vereinigten Arabischen Emiraten
Wichtigstes Ziel der jemenitischen Außenpolitik bleibt die Aussöhnung
außer mit Saudi-Arabien auch mit den anderen Staaten des Golfkooperationsrates
(GCC) nach der tiefgreifenden Störung der Beziehungen aufgrund der Haltung des
Jemen im 2. Golfkrieg. Die Beziehungen zu Katar, Oman und zu den Vereinigten
Arabischen Emiraten haben sich erfreulich entwickelt. Auch das Verhältnis zu
Kuwait hat sich wieder verbessert; im Jahre 1999 wurde die jemenitische
Botschaft in Kuwait wiedereröffnet. Der Jemen wurde Ende 2001 zu mehreren
Unterausschüssen des GCC zugelassen. Die Zustimmung der GCC-Staaten zur vollen
Mitgliedschaft Jemens ist indes noch nicht absehbar.
Beziehungen zu Eritrea, Somalia und Dschibuti
Das Verhältnis zu Eritrea hatte sich vorübergehend normalisiert, nachdem im
Oktober 1998 ein internationales Schiedsgericht dem Jemen u.a. das umstrittene
Hanish-Zuqar-Archipel zugesprochen hatte. Auch die Frage der maritimen Grenzen
schien abschließend Ende 1999 durch das Schiedsgericht geklärt. Die
Dissonanzen vor allem im Bereich der Fischerei sind indessen noch nicht
vollständig ausgeräumt.
Die Lage am Horn von Afrika verfolgt die jemenitische Regierung mit großer
Aufmerksamkeit. Gemeinsam mit dem Hohen Kommissar der Vereinten Nationen für
Flüchtlingsfragen (UNHCR) bemüht man sich um die beschleunigte freiwillige
Rückführung von registrierten somalischen Flüchtlingen (ca. 150.000
Personen). Präsident Saleh hat sich in den letzten Jahren den Ruf eines
ehrlichen Maklers bei seinen Vermittlungsbemühungen für eine politische
Lösung in Somalia erworben. Dschibuti ist der bevorzugte Partner Jemens am Horn
von Afrika.
Beziehungen zum Irak
Die Beziehungen des Nordjemen zu Irak reichen bis in die Zeit vor dem 2.
Weltkrieg zurück, vor allem auf militärischem Gebiet. Die Zusammenarbeit der
Militärs hat Bürgerkrieg und wechselnde Staatsformen überdauert. Irak pflegte
die Beziehungen auch zum Süden. Im 2. Golfkrieg forderte Jemen nach der
Invasion Kuwaits einen sofortigen irakischen Rückzug, verlangte jedoch eine
arabische Lösung ohne Gewaltanwendung gegen Irak und vor allem ohne
Intervention ausländischer Streitkräfte. Jemen trat aus humanitären Gründen
für eine Aufhebung der Sanktionen der Vereinten Nationen gegen Irak ein und
fordert heute den umgehenden Rückzug aller Besatzungstruppen aus dem Irak.
Haltung des Jemen im Nahost-Konflikt
Jemen ist ein entschiedener Verfechter palästinensischer Positionen. Der
"Staat Palästina" wurde am Tag seiner Proklamation (15.11.1988) von
beiden Jemen anerkannt. Im Süden hatten palästinensische Organisationen lange
Zeit eine Heimstatt, darunter auch solche, die ihre Ziele mit terroristischen
Aktivitäten zu erreichen suchten. Jemen unterstützt den Nahost-Friedensprozess
auf der Arafat-Linie, gleichwohl bestehen auch Kontakte zur Hamas, insbesondere
seitens der Islah-Partei. Überwiegend im Süden des Jemen leben etwa 10.000
Palästinenser. Mit dem Ausbruch der zweiten Intifada und der Eskalation der
Gewalt seit dem Herbst 2000 hat sich die jemenitische Regierung gegenüber den
anderen arabischen Staaten für einen gemeinsamen härteren Kurs gegenüber
Israel ausgesprochen, konnte sich aber damit nur zum Teil durchsetzen. Der Jemen
lehnt die Selbstmordattentate ab.
Beziehungen zur Russischen Föderation
Für Südjemen war die Sowjetunion (gemeinsam mit anderen
Warschauer-Pakt-Staaten) durch ihre massive Militär- und Wirtschaftshilfe
Garant der staatlichen Existenz. Auch Nordjemen erhielt sowjetische
Militärhilfe. Mit dem Zerfall der Sowjetunion ist der Stellenwert der
Russischen Föderation und der Staaten Mittel- und Osteuropas deutlich gesunken.
Die Schulden gegenüber der Russischen Föderation, mittlerweile Mitglied des
Pariser Clubs, betragen nach einer Schuldenregelung im Jahr 1997 nur noch ca.
1,29 Mrd. USD (bis 1997 ca. 6 Mrd. USD).
Beziehungen zu den USA
Bis zum 2. Golfkrieg waren die Beziehungen zwischen Jemen und den USA
ausgezeichnet. Der Nordjemen war bevorzugter Entwicklungshilfeempfänger der
Vereinigten Staaten. Die Haltung des vereinigten Jemen in der 2. Golfkrise hat
diese Beziehungen jedoch empfindlich gestört. Eine weitgehende Einstellung der
amerikanischen Entwicklungshilfe war die unmittelbare Folge. Seit etwa 1998
konnten die Beziehungen trotz des Rückschlages durch den terroristischen
Anschlag in Aden auf die Fregatte USS "Cole" im Oktober 2000, bei dem
17 Seeleute getötet wurden, schrittweise verbessert werden und haben ihren
bisherigen Höhepunkt im November 2001 mit dem offiziellen Besuch von Präsident
Saleh in den USA erreicht. Die US-Regierung zeigt sich zufrieden mit dem
Engagement des Jemen im Kampf gegen den Terrorismus. Sie engagiert sich derzeit
mit einem Entminungsprogramm, mit Demokratisierungshilfe sowie verstärkt mit
Kooperation im Sicherheitsbereich und zunehmender Entwicklungszusammenarbeit.
Die Zusagen haben im Jahr 2002 bei etwa 25 Mio. USD gelegen.
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