Innenpolitik
Grundzüge
Die politische Lage ist durch eine lange Kontinuität in der politischen
Führung des Landes gekennzeichnet. Präsident Mohamed Hosni Mubarak ist seit
über 20 Jahren im Amt. Er hält unbeirrbar trotz aller Rückschläge
grundsätzlich am Nahost-Friedensprozess fest, setzt einen deutlichen
Schwerpunkt auf die Stabilisierung der inneren Sicherheit durch Zurückdrängung
islamistischer Tendenzen. Er spricht sich für eine wirtschaftliche Öffnung und
Privatisierung sowie eine vorsichtige Demokratisierung aus – all dies aber,
ohne Risiken für die politische und soziale Stabilität einzugehen. Zuletzt
wurde Präsident Mubarak am 26.09.1999 durch ein Referendum für eine vierte,
sechsjährige Amtsperiode bestätigt.
Aktuelle Situation
Sowohl die politischen Strukturen als auch die Situation der Menschenrechte
sind unbefriedigend. Im Frühjahr 2003 ist das seit 1981 ununterbrochen geltende
Notstandsrecht erneut verlängert worden. Folter und Misshandlung sind nach wie
vorweit verbreitet. Darüber kann auch nicht hinwegtäuschen, dass im regionalen
Vergleich die Demokratieansätze im politischen System und die Presse- und
Meinungsfreiheit relativ ausgeprägt sind. Der Ruf nach weiterer
Demokratisierung, Transparenz, Rechtsstaatlichkeit und Respektierung der
Menschenrechte nimmt zu. Die Mitglieder des mit Gesetz vom Juni 2003
geschaffenen Nationalen Rates für Menschenrechte wurden im Januar 2004 ernannt;
an der Spitze dieses neuen Organs wird Boutros Boutros-Ghali, ehemaliger
Generalsekretär der Vereinten Nationen, stehen. Der Rat soll demnächst seine
Arbeit aufnehmen, die dann erweisen muss, ob sie zu einer Verbesserung der
Menschenrechtslage beitragen kann.
Auf dem Parteitag der Regierungspartei NDP unter dem Motto "Neues Denken
– die Rechte des Bürgers stärken" (26.-29.9.2003) hat Präsident
Mubarak weitere gesellschaftliche und politische Reformen angekündigt. Sie
betreffen so vielfältige Bereiche wie das Bildungssystem, das Recht der
politischen Parteien, die Jugendpolitik, Gesundheitsversorgung und Versorgung
der Bevölkerung mit Basisgütern, die Gleichstellung der Frau und stärkere
Partizipation der Bevölkerung bei politischen Entscheidungsprozessen. Es bleibt
abzuwarten, wie diese Ankündigungen in die Praxis umgesetzt werden.
Das Anfang Juni 2002 verabschiedete Gesetz über Stellung und Arbeit von
Nichtregierungsorganisationen (NRO) trägt starke Züge staatlicher Kontrolle,
u.a. durch die in diesem Gesetz vorgeschriebenen bürokratischen Verfahren. Der
Aufbau einer Zivilgesellschaft wird dadurch auch weiter klar reglementiert.
Politische Stabilität und strikte staatliche Kontrolle des öffentlichen Lebens
bleiben oberste Maxime des innenpolitischen Handelns.
Regierung
Premierminister Atef Ebeid ist seit seiner Ernennung durch Präsident Mubarak
im Oktober 1999 im Amt. In der Praxis sind die Kompetenzen der Regierung
eingegrenzt auf die Bereiche Wirtschaftsreformen und Sozialpolitik; insbesondere
die Außen- und Sicherheitspolitik des Landes werden de facto vom
Staatspräsidenten bestimmt. Die anhaltend schwierige wirtschaftliche Situation
Ägyptens und die fehlende Perspektive einer nachhaltigen Bekämpfung der
beträchtlichen Armut und Arbeitslosigkeit hat der Regierung Ebeid bereits viel
Kritik eingebracht.
Parlament
Das ägyptische Parlament besteht aus zwei Kammern, der Volksversammlung mit
454 Abgeordneten (davon 444 gewählt, 10 vom Präsidenten ernannt) als
Gesetzgebungsorgan und der "Schura" mit beratender Funktion. In beiden
Kammern dominiert deutlich die regierende National-Demokratische Partei, deren
Vorsitzender Präsident Mubarak ist. Eine Parteienlandschaft im westlichen Sinne
gibt es nicht wirklich.
Die letzten Wahlen zur Volksversammlung fanden im November/Dezember 2000
statt. Erneut kam eine große Mehrheit für die National-Demokratischen Partei
zustande. Die Oppositionsparteien konnten nur vereinzelte Sitze erringen. Die
Muslimbrüder, die unter das Verbot religiöser Parteibildung fallen und keinen
offiziellen Wahlkampf führen konnten, errangen dennoch 17 Sitze im neuen
Parlament. Die entsprechenden Abgeordneten gehörten formal zur Gruppe der
Unabhängigen. Die Wahlen fanden erstmals unter direkter richterlicher Aufsicht
statt. Dennoch gab es Klagen über Wahlmanipulation durch Einschüchterungen und
Behinderungen außerhalb der Wahllokale.
Im Dezember 2003 wurden Nachwahlen zu einer Reihe von Parlamentssitzen
erforderlich, nachdem die Wahl einiger Abgeordneter vom Verfassungsgericht für
ungültig erklärt worden war. Die Durchführung dieser Nachwahlen war sehr
umstritten und ist derzeit Gegenstand eines neues Verfahrens vor dem
Verfassungsgericht.
Militanter Islamismus und Terrorismus
Die Regierung scheint den Kampf gegen militante Islamisten bisher weitgehend
erfolgreich bestanden zu haben. Starke Sicherheitsvorkehrungen und hartes
Durchgreifen der Regierung gegenüber Extremisten haben terroristische
Aktivitäten weitgehend zum Erliegen gebracht, menschenrechtliche Standards
werden dabei nicht immer beachtet. Der politische Islam als gesellschaftliche
Kraft ist aber nach wie vor präsent. Das öffentliche Leben in Ägypten und die
dazu gehörigen Wertvorstellungen werden traditionell erheblich von der
islamischen Religion geprägt, wobei die gemäßigt-sunnitische Ausrichtung der
Azhar Universität dominiert.
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